Riedl-Franz-Horizontale Schichtung-durchlaufend-2017

Franz Riedl
Horizontale Schichtung (durchlaufend)
71 x 101 cm, 2017

Karton geschnitten
Geboren 1976 in Bad Ischl. Lebt und arbeitet in Wien. Akademie der bildenden Künste Wien, Meisterklasse Bildhauerei bei Prof. Gironcoli (Diplom).

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Werkbeschreibung

Das Fortschreiben des Bildes, Dr. Margit Zuckriegl

An einem ähnlich virulenten Moment der Kunstgeschichte, wie wir ihn heute als „Krise der Kunstproduktion“ konstatieren, erlebte die künstlerische Praxis schon einmal im Laufe der Jahrhunderte eine fundamentale Umdeutung: am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit bildete sich ein Kanon der Bildwissenschaft heraus, der alles Bisherige zum ersten Mal in der abendländischen nachantiken Kunst mit dem Begriff „veraltet“ abzutun bereit war. Diese Unterscheidung in aktuell, innovativ auf der einen Seite und obsolet, überlebt auf der anderen war etwas Neues – und sie ging einher mit der rationalen Konstruktion von Raum im Bild, mit der Entwicklung der Zentralperspektive. Bedeutungsmaßstab und musterartige Reihungssystematiken wurden aufgegeben zugunsten einer objektiven Bildkonstruktion, in der die Gesetzmäßigkeiten von Optik und Physik, von Geometrie und Tektonik der Grundvoraussetzungen für die Bildkomposition bildeten. Es war dies das erste Auftreten eines kognitiven Stils , der an komplexe visuelle Fähigkeiten des Betrachters appellierte.

Heute agiert die künstlerische Produktion wieder an einer Demarkationslinie, die zwischen tradierten Bildmustern und innovativen Bildstrategien unterscheidet. Es ist allerdings nicht mehr die Konstruktion von Bildräumen, die anvisiert wird, sondern es handelt sich – im Gegenteil – um die Aufgabe von kanonisierten Wahrnehmungsmustern und das Ersetzen derselben durch neue, emotive Erfahrungen: es ist damit nicht mehr die originäre Bildschöpfung durch den künstlerisch Agierenden, die im aktuellen Kunstdiskurs bedeutsam ist, sondern das Fortschreiben des Bildes in eine andere, neue, erfahrbare Dimension. Diese Räume sind shared spaces, Begegnungszonen, in denen vorgefundene Bilder, veränderte Grundstrukturen, Handlungsstränge und partizipatorisches Mittun aufeinandertreffen. Bild wird Bühne und leiht dem Raum Struktur und Konzept, Betrachter werden Agierende, plane Flächen werden zu raumhaltigen Installationen, Fotografie wird zur Plastik, Zeichnung zum Erfahrungsraum.

Franz Riedl ist ein Künstler dieser Generation, die gleichsam als Gestalter solcher „Interspaces“ innovativ und radikal an die Grenzen der bisherigen Genres geht. Wie Fred Sandback mit seinen minimalistischen Raummarkierungen zwischen Zeichnung und Installation agierte, so arbeitet Riedl nun von perspektivischen Raum-Fotografien weg und baut mehrere Flucht- und Sichtpunkte in seine Bildräume ein. In seinen Raum-Teilungen und -Segmentierungen wird der Betrachter in Positionen und Abwege geleitet, die ihn in ungewohnte Körperstellungen zwingen und von ihm verlangen, Teil eines fragilen und dennoch stringenten Raumnetzwerkes zu werden. Riedl nimmt nicht eine Raumvermessung oder Auslotung vor, auch keine ausgeklügelte Geometrisierung von Raumschichten und Ansichten, sondern er erweiterte den Raum in einen emotiven Erfahrungsraum, der von jedem Individuum ganz persönlich erlebt, beschritten, ausgetestet werden kann.

Der ursprüngliche Ansatzpunkt für Riedls Raumkonzeptionen war das Gehen und Wandern in den Sphären des öffentlichen Raumes. Die hier vorgefundenen Regelwerke von Zeichen, Grenzziehungen, Markierungen für Verkehr, Spiel- oder Ruhezonen animierten den ausgebildeten Bildhauer zu einem Werkbegriff ohne massive Materialität, dafür mit einem feinen Gespür für das Freilegen von Strukturen und Nervensträngen. Seine „Raumskizzen“ basieren teilweise auf selbst gemachten Fotografien von urbanen, baulichen Situationen in der Großstadt, teilweise sind sie Ideenentwürfe wie für virtuelle Stadtpläne, Grundrisse oder Straßenkreuzungen.

Nach einem Studienaufenthalt in Japan vertiefte er sein Interesse für das Papier als Material seiner Konstruktionen. Es ist das unbehandelte Papier, die Sichtbarmachung der Stärke und der Oberfläche, die Franz Riedl interessieren, er schneidet und ritzt das Weiß der Epidermis, er transportiert den Widerstand des Materials, die Verletzbarkeit der Fläche nach vorne und knickt die entnommenen Stellen nach hinten – nichts fällt weg, das Positiv ergänzt sich durch das Negativ im reliefierten Zuschnitt der Fläche. Raum- und Architekturansichten werden in eine abstrakte, unantastbare, reine Formreduktion übergeführt, die ihre Bildhaftigkeit von der Zartheit der millimeterdünnen Schichtungen erfährt.

Wie in seinen Fotoüberzeichnungen ist es das Fortschreiben des Bildes mit den Mitteln der Raumaneignung, das Franz Riedl praktiziert und das ihm eine Möglichkeit zur Erweiterung des Bildraumes offeriert. Nicht der zentralperspektivisch angelegte Blick und der kognitive Stil einer tradierten Bildkritik verleihen seinen Fotoüberarbeitungen die beunruhigende Aktualität, sondern die Veränderungen, die an den Fotografien konstatiert und angebracht werden.

Meistens sind es Fotografien, die Riedl von seinen Stadtwanderungen mitbringt, von Versicherungsgebäuden, Banken, rationale Architektur im urbanen Ambiente, die scheinbar Muster im unendlichen Rapport abbilden: Fensterreihen, Rasterfassaden, stereotype Geschoßeinteilungen – in den mit Tusche überarbeiteten Inkjet-Prints wird das fotografische Bild fortgeschrieben und mit einer eigenen Bildsprache kommentiert. In seinen bildlichen Fortschreibungen werden nicht deskriptive oder konstruktive Vorgehensweisen angewandt oder rationale Sehmuster bedient; nur im ersten Moment wirken formale Analogien wie Renderings in Neo-Geo-Manier; Franz Riedl ist der Mystiker und Umdeuter einer scheinbar kognitiven Bildwahrnehmung: er erweitert Sichtachsen um irrationale Fortsetzungen, führt changierende Blickpunkte ein, entmaterialisiert den Raum zu einer fiktiven Sphäre – er ist ein Fortschreiber von Bildern und ein Zertrümmerer der Zentralperspektive unter Verwendung der ihr eigenen, vermeintlichen Kriterien.

Siehe dazu: Franz Riedl. Räume, Ausstellungskatalog, Galerie Trapp Salzburg (mit Essay von Dr. Margit Zuckriegl),Salzburg 2015. ISBN 978-3-9503961-0-2

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